Brief 120 : Ich hab so gewartet auf diese Ausstellung: Käfig öffnen!

Liebe Schreiber:innen

Kennt ihr dieses Bild? Nein? Noch nicht? Bitte merken, bitte verteilen, bitte bekannt machen! Das ist das Bild, das neben Klimts Kuss zu einer Ikone gemacht werden muss! Es heißt „Silvia Koller mit Vogelkäfig“ und wurde 1908/09 von der Wiener Künstlerin Broncia Koller-Pinell gemalt. Sie war eine von „Klimts Schwestern“, wie ich sie nenne, die vergessen (gemacht) wurden. Vor 5 Jahren hat die sensationelle Ausstellung „Die Stadt der Frauen“ im Belvedere sagenhafte 56 (!) Malerinnen, die von 1900 bis 1956 in Wien tätig waren und aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht worden waren, endlich wieder ans Licht der Öffentlichkeit gebracht.

In meinem Essay „Wer hat Angst vor Klimts Schwestern?“ (Mai 2019) beschrieb ich, wie mich diese „neuen Malerinnen“ in meinem Leben und Denken berührt haben. Und nun endlich ist sie da: die Einzelausstellung über Broncia Koller-Pinell, die eng mit Klimt zusammengearbeitet hat, mit Freud und Schiele befreundet war und zu Lebzeiten international ausgestellt hat. Sie zählte zur Avantgarde und war eine extrem gut vernetzte Künstlerin und Kunstmäzenin. (Die Ausstellung läuft noch bis 8. Sept. 2024 im Unteren Belvedere in Wien.)

Im Bild „Silvia Koller mit Vogelkäfig“ (1908/09) stellt Koller-Pinell ihre Tochter Silvia dar. Ist es nicht ein wunderschönes Ölbild? Und so provokant! Ein bewusst reduziert gemaltes etwa 11-jähriges Mädchen in knallrotem Kleid in einem abstrakten schwarzen Raum kniet am Boden und schaut gedankenverloren in einen Käfig. In einen Käfig! In diesem Käfig sitzen hübsche kleine Vögel, eingesperrt. Broncia Koller-Pinell war auch befreundet mit der Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Rosa Mayreder und hat sicherlich die erste feministische Bewegung mitverfolgt. Wie sehr sich Broncia Koller-Pinell selbst in der ersten Frauenbewegung engagiert hat, weiß ich nicht. Die Kunstakademien waren jedenfalls damals geschlossen für Frauen, so konnte Koller-Pinell nur durch Privatunterricht Künstlerin werden. Und malte ihre Tochter kurz vor der Pubertät in blutrotem Kleid mit nachdenklichem Blick auf einen Käfig… wenn das kein Statement ist!
Hier mein Haiku zu diesem Bild (verfasst in einem Workshop vorige Woche):

Frau Werden ist Zwang.
Mädchen mit Vogelkäfig,
Öffne die Tür, geh!

Das Bild „Silvia Koller mit Vogelkäfig“ lässt mich an Virginia Woolf denken, an ihren fabelhaften Essay „Berufe für Frauen“, in dem sie die Rolle der (bürgerlichen) Frauen des späten 19. Jahrhunderts beschreibt: als „Engel im Haus“, der immer hübsch und immer für andere da sein muss. Sie hat keinen eigenen Kopf zu haben und schon gar kein eigenes Werk! (Mehr dazu in meinem Buch Schafft euch Schreibräume: Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs).

Ich hätte Lust, einen genaueren Vergleich, ein Doppelportrait Virginia Woolf und Broncia Koller-Pinell zu schreiben. Vieles ist ähnlich, ihre Herkunft aus bildungsorientierten, bürgerlichen Elternhäusern, ihre gute Vernetzung in der Kunstszene ihrer Zeit, ihr vielfältiges künstlerisches Werk über Jahrzehnte hin, ihr Erfolg zu Lebzeiten. In einer Sache stehen die englische Autorin Virginia Woolf (1882-1941) und die österreichische Malerin Broncia Koller Pinell (1863-1934) allerdings (noch) diametral im Gegensatz zueinander: die eine ist heute weltberühmt, die andere (noch) unbekannt. Aber auch Virginia Woolf geriet nach ihrem Tod für einige Jahrzehnte in Vergessenheit! Bis die Feministinnen der 1970er Jahre „A Room of One’s Own“ wieder auflegten und zum Kultbuch machten.

Also gut, tun wir es! Gehen wir in die Ausstellung (es gibt tolle Führungen), verschicken wir die Postkarten von „Silvia Koller mit Vogelkäfig“, die es dort zu kaufen gibt. Fordern wir vom Belvedere T-Shirts, Poster, Kaffeetassen zu diesem Bild, die neben all den Klimt-Devotionalen verkauft werden! Wir brauchen das! Um sie als inspirierende „Ahnin“ bekannt zu machen. (vgl. Workshop HerStory von Ba Ossege)

Im writers´studio arbeiten wir gerade heftig am Seminarprogramm für das nächste Jahr. Ihr dürft euch auf einige neue Workshops im Bereich feministisches Schreiben und auch im literarischen Bereich freuen! Das neue Programm sollte ab Juli auf unseren beiden Websites und ab August als writers‘ letter in eurem Postkasten sein.

Herzlichst,
Judith

PS: Malen und andere visuelle Techniken inspirieren unsere Schreibprozesse und -projekte! Komm dieses Wochenende ins writers‘ studio zu „Visual Art for Writers“ mit Ida Kronika/Räther. Ich male auch mit, als Teilnehmerin. Oder komm zu „Collage Dream Writing“ mit Johanna Vedral, diesmal als Präsenzkurs in Wien 5. Yeah!

PPS: Wer sich bei der Anmeldung zu „Visual Art for Writers“ auf dieses Blogmail bezieht, bekommt noch den Frühbucher*innen-Preis!

 

Aktuell im writers’studio Verein

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Bilder:
1 Broncia Koller-Pinell, Silvia Koller mit Vogelkäfig, 1907/08, Sammlung Eisenberger, Wien
2 Broncia Koller-Pinell, Selbstbildnis, um 1905, Foto: Landessammlungen NÖ
3 Broschüre zur Ausstellung, Foto Judith Wolfsberger
4 Broncia Koller-Pinell, Sitzende (Marietta), 1907, Sammlung Eisenberger, Wien, Dauerleihgabe im Leopold Museum
5 Porträtfoto der Künstlerin Broncia Koller-Pinell, Foto: © Museum Oberwaltersdorf
6 Broncia Koller-Pinell, Orangenhain an der französischen Riviera, 1903, Foto: Belvedere, Wien